Gespenstisch erhellen feurige Wolken einer britischen Fabrik 1801 die Nacht; r.: Kinderarbeit im Bergwerk einst, Technik-Ungetüm über Menschenköpfen, 1875. (Bilder: Gemälde (Teile) von P. J. de Loutherbourg, 1740-1812, und A. v. Menzel, 1815-1905; von "WZ" 2018 kolorierte alte Zeichnung)
Gespenstisch erhellen feurige Wolken einer britischen Fabrik 1801 die Nacht; r.: Kinderarbeit im Bergwerk einst, Technik-Ungetüm über Menschenköpfen, 1875. (Bilder: Gemälde (Teile) von P. J. de Loutherbourg, 1740-1812, und A. v. Menzel, 1815-1905; von "WZ" 2018 kolorierte alte Zeichnung)

Kleine Rate-Nuss: Von wem sind die folgenden, bald 200 Jahre alten Zeilen über John Bull bzw. das personifizierte England?

Der gesuchte Autor sah das alte Inselreich und Inselvolk so: "Es lebt auf einem großen Fuße, (...) hat (...) große Schulden, (...) aus Großprahlerei wirft es zuweilen seine Guineen zum Fenster hinaus, bezahlt andere Völker, daß sie sich zu seinem Vergnügen herumboxen, (...) deshalb hat John Bull Tag und Nacht zu arbeiten, (...) Tag und Nacht muß er sein Gehirn anstrengen zur Erfindung neuer Maschinen, und er sitzt und rechnet (...), rennt und läuft (...) vom Hafen nach der Börse, von der Börse nach dem Strand (...)." Dabei passiert es auch, dass er einen im Wege Stehenden "unsanft auf die Seite stößt".

Mann oder Frau? Vielleicht führte eine sagenhafte Person namens Ludd Maschinenstürmer auf der Insel an.(Bild: Archiv)
Mann oder Frau? Vielleicht führte eine sagenhafte Person namens Ludd Maschinenstürmer auf der Insel an.(Bild: Archiv)

Bei dem Mann, der auf dem Straßenpflaster landet, handelt es sich um "einen armen deutschen Poeten" - erraten, das ist der Spötter selbst. Über den Ärmelkanal kam er 1827. Sein Name: Heinrich Heine.

Der London-Teil seiner "Reisebilder" bietet nicht nur Satire. Der Dichter schildert "das verdammte Stoßen", das für das Schicksal der Menschen in der tosenden Stadt steht, in der man "Fußgänger niederstampft, wo derjenige, der zu Boden fällt, auf immer verloren ist". Heines Fazit, ja Aufschrei: "Arme Armuth! wie peinigend muß dein Hunger seyn, dort, wo Andere im höhnenden Ueberflusse schwelgen!"

In Wien hätte der scharfzüngige Literat seinerzeit einiges bei den k.k. Behörden auszustehen gehabt und schon an der Staatsgrenze wären ihm mitgeführte Bücher abgenommen worden, aber niedergetrampelt hätte ihn in der mauerumgürteten Donaumetropole niemand.

Hier ging es auf den Straßen gemütlicher zu als im übergeschnappten London. Hier wusste man noch, was Muße ist. Hier bebte und pochte noch nicht die ruhelose Stadt, die Hektopolis.

In Vorstädten existierten zwar bereits Fabriken, die Industrialisierung erreichte jedoch - wie in der ganzen Monarchie - keineswegs englische Ausmaße.

Denn das alte Österreich nahm einen gemächlicheren Entwicklungsweg.

Einblicke ins 19. Jahrhundert., v. l.: Volksauflauf (London 1808); Fabriken in Wien, Viehhofen (vormals Spiegelwerk), Klein Neusiedl. (Bilder: K. Hübner, Führer durch (...) St. Pölten, 1925/Archiv)
Einblicke ins 19. Jahrhundert., v. l.: Volksauflauf (London 1808); Fabriken in Wien, Viehhofen (vormals Spiegelwerk), Klein Neusiedl. (Bilder: K. Hübner, Führer durch (...) St. Pölten, 1925/Archiv)

Als anno 1767 in Britannien die (in den September-Zeitreisen erwähnte und abgebildete) welterste Spinnmaschine die Textilbranche umzuwälzen begann, konnte sich die Wirtschaft der Habsburgerlande in einigen Bereichen durchaus mit dem durch Kolonien und Sklavenhandel reicheren Inselstaat messen. Beispielsweise bei Roheisen-Produktion, bei der Wien und London für manches ihnen unterstehende Gebiet etwa die gleichen Erzeugungsmengen vermeldeten. Etwas später sah das anders aus. Wien war weit abgeschlagen.

Warum? Viele k.k. Eisen-Standorte lagen ungünstig für die Industrialisierung. U.a. verhinderten im Alpengebiet miese Straßen und zu geringe Bevölkerungsdichte Prosperität.

Derlei quälte die Briten nicht. Zudem waren sie für Neuerungen geistig offen, z.B. durfte die Presse relativ frei agieren. Habsburgs Untertanen litten spätestens ab 1792 (Kaiser Franz als Landesherr) unter harter Zensur und Pressionen. So war kaum wirtschaftlich starker Staat zu machen. Öffnung brachten erst Gewerbefreiheit (1859) und Verfassung (1867); vorher wie nachher bremste aber geringe Massenkaufkraft den Absatz.

In der "WZ" vom 12. Okt. 1808 zeigt das ein Inserat: Die k.k. privil. Spiegelfabrik zu Viehhofen (nun St. Pölten) richtete in Wiens Himmelpfortgasse eine Niederlage ein, um Ware uum den fabriksmäßigen Preis anzubieten. 1836 stockte der Umsatz trotz Billigware: Die "Oesterreichische National-Enzyklopädie" (Bd. 5) schrieb, dass in Viehhofen" "noch kürzlich 16 Schleif- und 12 Polirtische" standen.

Schließlich bezog eine Fabrik für Spitzen die Betriebsstätte, als deren Inhaber im frühen 19. Jh. ein gewisser Thomas Voith aufgetreten war. Er hatte dem Spiegelwerk keine große Zukunft sichern können. Sein Namensvetter Josef Matthias Voith agierte anders; dessen 1825 in Württemberg etablierte Schlosserei wurde zur deutschen Maschinenfirma J. M. Voith, die Anfang des 20. Jh.s in St. Pölten eine Tochterfabrik errichtete.

Man sieht: Der rasante technische Fortschritt machte alles möglich. Manche Unternehmer kamen nicht weit, manche schufen Konzerne. Doch das ist nur die eine Seite der industriellen Revolution. Die andere heißt Kinderarbeit, Hungerlohn, Arbeitslosigkeit. Dagegen standen Maschinenstürmer wie Englands Ludditen (gerüchteweise geführt von Mr. oder vielleicht Lady Ludd) und Schlesiens Weber auf.

Die Maschinenwelt blieb, gab später in Industrieländern vielen Menschen Anteil am Wohlstand. Eines aber gönnt sie bis heute keinem: Ein ruhiges Leben.

Kopfnuss: Das Scherzwort "John Bull" kam wann auf? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)